Die Kennzeichnungen EX und TD bedeuten bei einer Pipette, dass sie auf die Abgabe eines bestimmten Flüssigkeitsvolumens kalibriert ist. Das aufgedruckte Nennvolumen bezieht sich somit auf die Flüssigkeitsmenge, die bei vorschriftsmäßiger Benutzung aus der Pipette austritt – nicht auf die gesamte Menge, die sich zuvor in ihr befindet.
EX steht für auf Ausguss, TD für das englische to deliver. Beide Kürzel beschreiben dasselbe Kalibrierprinzip. Eine kleine Flüssigkeitsschicht, die nach dem Entleeren an der Innenwand verbleibt, ist dabei normalerweise bereits berücksichtigt.
Warum der verbleibende Flüssigkeitsfilm kein fehlendes Volumen ist
Beim Füllen einer Glas- oder vergleichbaren Volumenpipette wird die Innenwand benetzt. Nach dem Ablaufen bleibt dort ein dünner Flüssigkeitsfilm zurück. Eine auf EX beziehungsweise TD kalibrierte Pipette ist so ausgelegt, dass unter den festgelegten Abgabebedingungen trotzdem das angegebene Volumen austritt.
Das Innenvolumen bis zur Marke ist daher nicht zwingend mit dem abgegebenen Nennvolumen identisch. Es kann geringfügig größer sein, weil die Kalibrierung den typischen Rückstand an der Wand einbezieht. Ein sichtbarer Rest bedeutet bei einer solchen Pipette nicht automatisch, dass die Abgabe unvollständig war.
Das Nennvolumen entspricht allerdings nicht unter allen Umständen mathematisch exakt der abgegebenen Menge. Es gilt innerhalb der vorgesehenen Toleranz und nur bei der festgelegten Anwendung, etwa hinsichtlich Temperatur, Ablauf- oder Wartezeit und Entleerungsverfahren.
EX und TD im Vergleich zu IN und TC
Die Gegenbegriffe zu EX und TD sind IN und TC. IN bedeutet auf Inhalt, TC steht für to contain. Bei diesen Kennzeichnungen bezieht sich das Nennvolumen auf die Flüssigkeitsmenge, die das Gerät bis zur Marke enthält.
- EX oder TD: Maßgeblich ist die unter den vorgesehenen Bedingungen abgegebene Flüssigkeitsmenge.
- IN oder TC: Maßgeblich ist die im Gerät enthaltene Flüssigkeitsmenge.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil ein auf Inhalt kalibriertes Gerät nach dem Ausgießen noch Flüssigkeit an der Innenwand zurückhalten kann. Ohne ein dafür vorgesehenes Spül- oder Übertragungsverfahren gelangt dann weniger als das enthaltene Nennvolumen in das Zielgefäß. Die Bedienweise eines IN- oder TC-Geräts darf daher nicht ungeprüft auf eine EX- oder TD-Pipette übertragen werden.
Die Kennzeichnung bestimmt nicht allein das Entleerungsverfahren
Aus EX oder TD folgt nicht automatisch, dass der letzte sichtbare Rest ausgeblasen werden muss. Ob eine Pipette frei ablaufen soll, eine Wartezeit verlangt oder vollständig ausgeblasen werden darf, hängt von ihrer Bauart und den weiteren Kennzeichnungen ab.
Bei vielen klassischen Vollpipetten lässt man die Flüssigkeit bei senkrechter Haltung frei ablaufen und hält die Spitze anschließend an die Gefäßwand. Der kleine Rest in der Spitze bleibt erhalten, sofern die Gebrauchsvorgabe kein Ausblasen verlangt. Wird dieser Rest trotzdem herausgedrückt, kann mehr als das kalibrierte Volumen übertragen werden.
Andere Pipetten sind ausdrücklich für vollständiges Ausblasen konstruiert. Solche Ausführungen müssen anhand ihrer gesonderten Kennzeichnung und der Produktvorgabe erkannt werden. Farbringe, Skalenform und Bauart können Hinweise geben, sind aber nicht bei jeder Produktgruppe identisch. Im Zweifel sind die Beschriftung der Pipette und die Bedienangaben des Herstellers maßgeblich.
Zusätzliche Angaben neben EX oder TD richtig lesen
Die Buchstaben stehen häufig zusammen mit Angaben, die für die gültige Volumenabgabe wesentlich sind. Dazu können das Nennvolumen, eine Genauigkeitsklasse, die Bezugstemperatur und eine Wartezeit gehören.
- Eine Angabe wie 10 ml bezeichnet das Nennvolumen.
- Eine Temperaturangabe bezeichnet die Bezugstemperatur der Kalibrierung. Bei abweichender Temperatur können sich Flüssigkeit und Messgerät ausdehnen oder zusammenziehen.
- Eine Zeitangabe wie 15 s weist üblicherweise auf eine einzuhaltende Wartezeit nach dem sichtbaren Ablauf hin.
- Eine Klassenangabe beschreibt die zugehörige Genauigkeits- beziehungsweise Toleranzklasse des Volumenmessgeräts.
Steht beispielsweise EX zusammen mit einer Wartezeit auf der Pipette, beginnt diese Zeit nach dem Ende des freien Ablaufs. Erst nach Ablauf der angegebenen Dauer wird die Spitze vom Auffanggefäß entfernt. Wer die Wartezeit überspringt, kann das vorgesehene Abgabevolumen unterschreiten.
So wird eine auf Abgabe kalibrierte Pipette verwendet
- Prüfe die Pipette auf Sauberkeit, Beschädigungen und lesbare Kennzeichnungen. Eine verschmutzte Innenwand kann das Ablaufverhalten verändern.
- Spüle die Pipette bei einer präzisen Messung gegebenenfalls mit einer kleinen Menge der aufzunehmenden Flüssigkeit vor, sofern das Arbeitsverfahren dies vorsieht.
- Fülle die Pipette etwas über die Marke und stelle den Meniskus auf Augenhöhe ein. Bei klaren, die Wand benetzenden Flüssigkeiten wird üblicherweise der tiefste Punkt des Meniskus an der Marke ausgerichtet.
- Halte die Pipette beim Abgeben entsprechend der vorgesehenen Lage, meist senkrecht, und lasse die Flüssigkeit ohne eigenmächtiges Beschleunigen ablaufen.
- Beachte eine aufgedruckte Wartezeit. Berühre die Gefäßwand mit der Spitze, wenn dies für die verwendete Pipettenart vorgeschrieben ist.
- Blase den verbleibenden Rest nur aus, wenn die Pipette ausdrücklich als Ausblaspipette gekennzeichnet oder die vollständige Entleerung in ihrer Gebrauchsvorgabe verlangt wird.
Das Ergebnis ist nur dann der Kalibrierung zuzuordnen, wenn die vorgesehene Abgabetechnik eingehalten wird. Zu schnelles Entleeren, eine ungeeignete Haltung, Luftblasen, eine falsch eingestellte Marke oder eigenmächtiges Ausblasen können die übertragene Menge verändern.
Wo die Aussagekraft der Kennzeichnung endet
EX beziehungsweise TD sagt aus, auf welche Seite des Messvorgangs sich das Nennvolumen bezieht. Das Kürzel garantiert für sich allein weder eine fehlerfreie Pipette noch eine bestimmte Messgenauigkeit. Dafür sind zusätzlich die Toleranzklasse, der Zustand des Geräts, das verwendete Verfahren und gegebenenfalls eine gültige Kalibrier- oder Prüfkontrolle relevant.
Auch die Eigenschaften der Flüssigkeit können das Ergebnis beeinflussen. Stark von der Kalibrierflüssigkeit abweichende Viskosität, Oberflächenspannung oder Temperatur verändern möglicherweise das Ablauf- und Benetzungsverhalten. Bei anspruchsvollen Messungen muss das Laborverfahren solche Einflüsse berücksichtigen.
Die sichere Lesart lautet somit: EX und TD kennzeichnen eine Pipette, deren Nennwert für die ordnungsgemäß abgegebene Menge gilt. Der verbleibende Wandfilm ist im vorgesehenen Verfahren berücksichtigt; zusätzliche Angaben auf der Pipette legen fest, unter welchen Bedingungen diese Zuordnung gilt.